Elina ist im zweiten Lehrjahr. In Burgdorf macht sie eine berufliche Grundbildung als Polygrafin. Nun hat ihr Berufsbildner sie zu einem Glas eingeladen, weil er im November in Pension gehen wird. Zuerst bietet er Elina das «Du» an. Sie fragt, wie es denn gewesen sei, als er selber in die berufliche Grundbildung ging. «Das war 1950 als ich in Olten anfing», sagt Paul. «Sicher war vieles anders, aber dennoch, unser Metier hat eine lange Tradition und ist trotz der vielen technischen Entwicklungen im Kern gleich geblieben.»
«Ich weiss», sagt Elina mit einem schelmischen Lachen, «Gutenberg hat ungefähr 1440 den Druck erfunden und damit einen bedeutenden Markstein im Kommunikationswesen gesetzt. Die Entwicklung des Buchdrucks hatte dann einen starken Einfluss auf die intellektuelle Entwicklung der Menschheit. Das habe ich in der Berufsfachschule gelernt.»
«Dann weißt Du sicher auch, dass in China und Korea schon früher gedruckt wurde. Schon im elften Jahrhundert hat ein Chinese Schriftzeichen aus Ton hergestellt, um 1300 wurden in China Typen aus Holz, um 1400 aus Kupfer in Korea hergestellt.»
«Aber am 11. Mai 868 wurde von Wang-Chieh das erste Buch Diamant-Sutra zu Ehren seiner Eltern mit Holztafeln gedruckt. Aber, wie war es denn bei Dir in den wilden Fünfzigern?»
«Du hast ja gut aufgepasst. Also, zuerst will ich Dir sagen, dass zu meiner Lehrzeit die Typographen mit Krawatte zur Arbeit gingen. Damit wollten sie Selbstbewusstsein und Berufsstolz ausdrücken. Trotzdem verstanden sie sich als Arbeiter, die gewerkschaftlich gut organisiert waren in der Helvetischen Typographia. So wurde schon früh die 44- dann die 42-Stundenwoche eingeführt, in den 70er-Jahren schliesslich die 40-Stundenwoche. Meine Lehre hatte im Übrigen viel mit Gutenberg zu tun. Ich lernte noch den Handsatz, legte also die Lettern, sortiert im Setzkasten in den Winkelhaken.»
«Einen alten Setzkasten hat meine Mutter», wirft Elina ein, «sie bewahrt darin ihre kleinen Dinge auf, die sie gesammelt hat. Aber früher nannte man unseren Beruf ja eine Kunst, man sagte Buchdruckerkunst.»
«Oder wir nennen uns Schwarzkünstler, das weist auf das Können hin, das unser Beruf verlangt.»
«Aber jetzt arbeitest du ja mit dem Computer, das war ein weiter Weg seit dem Setzkasten.»
«Im Handsatz habe ich auch nicht lange gearbeitet. Schon zu meiner Zeit konnte man ja Maschinensetzer lernen. In den 60er-Jahren habe ich dann auch eine Prüfung gemacht und auf einer alten, das heisst damals modernen Linotype gearbeitet. Zuerst mussten wir das Blei erhitzen, die Maschine hat ja die einzelnen Zeilen gegossen.»
«Aber was habt ihr mit den Korrekturen gemacht, musstet ihr wegen einem einzigen kleinen Fehler die ganze Zeile neu giessen?»
«Das war eben so, es kam darauf an, möglichst wenig Tippfehler zu machen. Auf einer grossen Tastatur, die übrigens ganz anders angeordnet war als die von heute. Es gab spezielle Tasten auch für die kleinen Buchstaben und für jedes Zeichen.»
«Du musstest also von Grund auf das Tastenschreiben neu lernen. Wenn ich mir das überlege: Eigentlich hast du vier Mal deinen Beruf lernen müssen, zuerst Handsatz, dann Maschinensatz später Fotosatz und jetzt Digitaldruck. Hat dir das keine Mühe gemacht und haben das viele geschafft, die mit dir die berufliche Grundbildung gemacht haben?»
«Der letzte grosse Wechsel kam in den 80er-Jahren. Einige meiner Kollegen haben sich nicht umgewöhnen können. Ein Kollege von mir ist zum Beispiel Hauswart in unserer Dorfschule geworden. Für mich waren diese Veränderungen auch immer eine Herausforderung. Vieles wurde einfacher und leichter. Mit der Einführung des Digitaldrucks sind Vierfarbendrucke für viele Kunden erschwinglich geworden. Der Polygraf muss sich mit der Bearbeitung von Bildern auskennen, die während Jahrzehnten in den Händen spezialisierter Klischieranstalten war. Dafür kommt das Absetzen langer Texte kaum mehr vor, diese werden meistens von den Autoren auf Datenträgern zur Verfügung gestellt oder elektronisch übermittelt. Aber unser Beruf ist im Kern gleich geblieben. Die Arbeitsqualität, der Seitenumbruch, der gestalterisches Können verlangt, die soliden Deutschkenntnisse, die Kooperation mit anderen Berufen, den Druckern oder Redaktoren zum Beispiel, das hat sich im Grunde nicht verändert.»
Elina überlegt: «1950 bis 1999, das sind fast fünfzig Jahre im Beruf, der gleich geblieben und trotzdem ganz anders geworden ist. Ich weiss nicht, ob ich so lange auf dem Beruf bleiben werde und ob ich all die Entwicklungen, die ja immer rascher werden, so wie du bewältigen werde.»
«Das können wir nicht voraussehen. Du wirst Dich noch mehr weiterbilden müssen als ich. Aber du musst wissen, dass alle Entwicklungen einer langen Linie unseres Berufes unserer Kunst folgen. Du wirst mit dem Lehrabschluss, wenn man dich zur Gautschfeier in den Brunnen taucht und du den Gautschbrief erhältst, ein Teil davon. Das gibt Dir einen soliden Boden. Zu unserer Zeit haben praktisch keine Frauen diesen Beruf erlernt, jetzt sind die Hälfte der Lernenden, wie man heute sagen muss, Mädchen. Das ist das Neue. Aber zum Schluss will ich dir noch etwas sagen. Früher haben die Typografen in Klammer ihre Kommentare geschrieben, wenn sie nicht einverstanden waren mit dem Redaktor, also Klammer auf, dann kurz die Meinung, Komma, dann der Setzer, Klammer zu. Das ist dann so in der Zeitung erschienen. Das war Ausdruck von Tradition, Berufsstolz und Unabhängigkeit. Wenn du diese Haltung aufnimmst und weiterführst als Vertreterin unseres Metiers, dann wird dir das auch persönlich helfen.»
«Ich würde gerne ab und zu nach Feierabend mit dir ein Glas trinken gehen», sagt Elina und prostet Paul zu.
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