Gemäss dem neuen Berufsbildungsgesetz sollen Erwachsene den Zugang zu eidgenössischen Abschlüssen auch dann erhalten, wenn sie nicht einen gesamten, formalen Bildungsgang durchlaufen haben. Beim Nachweis, dass man die für den Abschluss einer beruflichen Bildung geforderten Kompetenzen bereits besitzt, werden berufliche und ausserberufliche Praxiserfahrung und fachliche sowie allgemeine Bildung angemessen angerechnet. Das oberste Ziel lautet: Gleiche Kompetenzen führen zu gleichen Titeln. Das heisst, für einen Titel sind die Kompetenzen massgebend, dabei spielt es keine Rolle, auf welche Weise man dazu gelangt ist.
Die so genannten anderen Qualifikationsverfahren sind demzufolge gegenüber den herkömmlichen Qualifikationsverfahren (Abschlussprüfung, Berufsprüfung, höhere Fachprüfung) gleichwertig.
Von der Validation des acquis zur Validierung. Die Validierung von Bildungsleistungen ist das Verfahren, durch das eine Institution, eine Schule oder eine Behörde anerkennt, dass Kompetenzen, die der Einzelne durch eine frühere, formale oder nicht formale, Ausbildung oder durch Erfahrung erworben hat, denjenigen eines bestimmten Titels gleichwertig sind. In Fachkreisen der Berufsbildung war bis vor kurzem schweizweit das Thema unter dem Begriff Validation des acquis geläufig. Nach und nach soll sich nun Validierung von Bildungsleistungen durchsetzen.
Nationaler Leitfaden. In einem vom BBT/seco einberufenen Projekt wurde 2005 ein Nationaler Leitfaden für die Validierung von Bildungsleistungen erarbeitet. Der nationale Leitfaden beschreibt die minimalen Anforderungen an die Ausgestaltung von Verfahren zur Validierung von Bildungsleistungen, wie sie in den Organen der Projektorganisation vereinbart wurden. Der Leitfaden stellt die Qualität und Vergleichbarkeit der Verfahren sicher. Er unterscheidet vier Ebenen des Verfahrens. Auf jeder Ebene entstehen Produkte in Form von Dokumenten, die den Zugang zur nächsten Ebene ermöglichen. Zwei zentrale Instrumente zur Beurteilung der Kandidatinnen und Kandidaten sind das Qualifikationsprofil sowie die Bestehensregeln für einen bestimmten Beruf. Beide stützen sich auf den bereits bestehenden Bildungserlass zur entsprechenden Ausbildung. Zudem legt der nationale Leitfaden die Verantwortlichkeiten fest.
Die vier Ebenen des Verfahrens werden wie folgt unterschieden:
1. Die Ebene Information und Beratung kann während des ganzen Verfahrens je nach Bedarf beansprucht werden. Interessierte Personen erhalten die nötigen Informationen zum Vorgehen und Auskünfte über ihre Chancen, mittels eines anderen Qualifikationsverfahrens einen Titel, einen Ausweis oder eine Zulassung zu einer Ausbildung zu erwerben.
2. Das Vorgehen, das einer Person erlaubt, ihre persönlichen und beruflichen Kompetenzen zu identifizieren und zu analysieren steht im Zentrum der Ebene Bilanzierung. Die Person stellt ein Dossier zusammen, in dem sie belegt, welche Kompetenzen des anvisierten Berufs sie besitzt.
3. Auf der Ebene Beurteilung wird das fertige Dossier von Expertinnen und Experten aus herkömmlichen Qualifikationsverfahren beurteilt.
4. Die vierte Ebene ist in zwei Teilebenen unterteilt: Der Entscheid des zuständigen Validierungsorgans, welche Qualifikationsbereiche erfüllt sind, geschieht auf der Basis der Expertenbeurteilung auf der Ebene Anrechnung. Hier wird eine rekursfähige Lernleistungsbestätigung ausgestellt. Der offizielle Akt der Zertifizierung erfolgt in den üblichen Strukturen und Verantwortungen der klassischen Ausbildungsgänge der Berufsbildung, sobald die fehlenden Qualifikationsbereiche in einer Nachholbildung erworben und geprüft sind.
Als Hilfestellung für die konkreten Verfahrensentwicklungen stehen den Verbundpartnern die Kriterien zur Verfügung, nach welchen der Bund andere Qualifikationsverfahren anerkennt. Ein Ausbildungskonzept für Expertinnen und Experten liegt ebenfalls bei.
Literaturhinweise
Association romande pour la reconnaissance des acquis (ARRA): Portfolio der Kompetenzen, h.e.p.-Verlag, Bern 2003
Bloom B.S.: Taxonomie von Lernzielen im kognitiven Bereich, Beltz, Weinheim, Basel 1976
Bloom B.: Caractéristiques individuelles et apprentissages scolaires, Labor, Bruxelles, 1979
DBK: Handbuch betriebliche Grundbildung, DBK, Luzern 2006
DBK: Lexikon der Berufsbildung, DBK, Luzern 2006
Espace de femmes pour la formation et l'emploi (effe): Kompetenzen: Portfolio: von der Biografie zum Projekt, h.e.p.-Verlag, Bern 2003
Huberman M. (Ed.): Assurer la réussite des apprentissages scolaires. Les propositions de la pédagogie de maîtrise, Delachaux et Niestlé, Neuchâtel, 1988
Schräder-Naef R., Jörg-Fromm R.: Eine zweite Chance für Ungelernte ?: Auswirkungen des nachgeholten Lehrabschlusses, Rüegger, Chur, Zürich 2005