Die Anlehre ist im Berufsbildungsgesetz vom 13. Dezember 2002 nicht mehr vorgesehen. Sie kann jedoch bis zur Einführung der zweijährigen beruflichen Grundbildung mit eidg. Berufsattest während einer Übergangszeit noch geführt werden. Ist eine Verordnung über die berufliche Grundbildung für eine zweijährige berufliche Grundbildung in Kraft, werden im betreffenden Berufsfeld auf eidgenössischer Ebene keine neuen Anlehrverhältnisse mehr bewilligt.
Die Bildungsziele der Anlehre entsprechen grundsätzlich denen einer regulären beruflichen Grundbildung. Die Ausbildung wird jedoch den Leistungsvoraussetzungen und den Möglichkeiten der Anlehrlinge angepasst. Die Anlehre ist eine berufliche Grundbildung für diejenigen Schulabgänger/innen, die den Anforderungen einer regulären beruflichen Grundbildung nicht gewachsen oder daran gescheitert sind (mangelnde Voraussetzungen, Lernschwierigkeiten). Die Ursachen sind vielfältig:
- Vorbildung. Viele Anlehrlinge sind Absolventen von Sonderklassen; ein Teil der Schüler/innen kommt aus abgebrochenen beruflichen Grundbildungen (Lehrvertragsumwandlung).
- Lernverhalten. Viele Anlehrlinge verfügen nicht über genügende Grundkomponenten des Denkens und Erkennens und ihnen fehlt meist eine wirksame Lernstrategie. Die häufigen Misserfolge in der Lerngeschichte führen oft zu einer labilen Motivation, zur Beeinträchtigung der Konzentration, zu Fehleinschätzungen der eigenen Fähigkeiten und sehr oft zu einem schlechten Selbstwertgefühl.
- Intelligenz. Im Hinblick auf spezielle Massnahmen kann der Intelligenzquotient (IQ) als Orientierungshilfe dienen. Allerdings ist hier (aus wissenschaftlicher Sicht) Vorsicht angebracht, und es müssen auch andere Gesichtspunkte mitberücksichtigt werden (z.B. Sozialverhalten, manuelle Fertigkeiten).
- Sprachliche Fähigkeiten. Die Fähigkeit, Gesprochenes und Geschriebenes zu verstehen, zu verarbeiten und sich auszudrücken, wirkt sich nachhaltig auf das Lernverhalten aus, insbesondere in der Schule.
- Kultureller Nachteil. Die Anlehre hat sich zu einem Auffangbecken für Fremdsprachige entwickelt, die auf Grund ihrer sprachlichen und schulisch-kulturellen Herkunft (anderes Bildungssystem) mit einer regulären beruflichen Grundbildung überfordert sind.
- Sozialverhalten. Die Gründe für nonkonformes Sozialverhalten sind vielfältig: mangelhafte soziale Wahrnehmung, schwierige soziale Verhältnisse, allgemeine Überforderung, vorübergehende Schwierigkeiten. Allerdings zeigt die Erfahrung mit Anlehrlingen, dass es sich oft um besonders willige und angenehme Schüler und Mitarbeiterinnen handelt, wenn man sie gut behandelt und ihnen eine Chance gibt.
Abschluss. Beim Abschluss der Anlehre überprüfen das Berufsbildungsamt oder besonders geschulte Experten, wie weit die Anlehrlinge die im Bildungsprogramm festgelegten Inhalte beherrschen. Die Anlehrlinge erhalten darauf einen eidg. Anlehrausweis, der Auskunft gibt über die Dauer der beruflichen Grundbildung, die Berufsbezeichnung und das Berufsfeld. In der "Beilage zum Anlehrausweis" wird detailliert festgehalten, welche Arbeiten die Anlehrlinge "selbstständig" und "unter Anleitung" ausführen können. Ausbildung, Abschluss und Attest sind also personenspezifisch ausgerichtet.
Literaturhinweise
Attestausbildung = Formation avec attestation fédérale = Formazione pratica attestino, In: BCH Folio Berufsbildung Schweiz, 6, 2005, 6-14, 31-39, 47-55
BBT: Leitfaden für die fachkundige individuelle Begleitung : zweijährige berufliche Grundbildung mit Attest: ein Projekt der Schweizerischen Berufsbildungsämter-Konferenz (SBBK) im Rahmen des Lehrstellenbeschlusses 2 = Guide de l'encadrement individuel spécialisé: formation professionnelle initiale de deux ans avec attestation: un projet de la Conférence suisse des offices de la formation professionnelle (CSFP) dans le cadre du 2ème arrêté sur les places d'apprentissage, DBK, Bern 2004 (SBBK Berufliche Grundbildung mit Attest)
Bellaire E. et al.: Zweijährige Ausbildungsgänge: eine Chance für Jugendliche mit schlechten Startchancen?: Betriebsbefragung zu neuen Berufen, Bertelsmann, Bielefeld 2006
Bloom B.S.: Taxonomie von Lernzielen im kognitiven Bereich, Beltz, Weinheim, Basel 1976
Bloom B.: Caractéristiques individuelles et apprentissages scolaires, Labor, Bruxelles, 1979
DBK: Handbuch betriebliche Grundbildung, DBK, Luzern 2006
DBK: Lexikon der Berufsbildung, DBK, Luzern 2006
Knutti P., Meylan J.F.: Auf dem Weg zum eidgenössischen Berufsattest : Materialsammlung für das SBBK-Projekt Berufspraktische Bildung im Rahmen des Lehrstellenbeschlusses 2 BBT, DBK, Luzern 2005
DBK: Wegweiser durch die Berufslehre. Informationen für Lehrvertragsparteien, DBK Verlag, Luzern 2005
DBK: Evaluation Pilotprojekte: zweijährige berufliche Grundbildung mit Attest : Schlussbericht: ein Projekt der Schweizerischen Berufsbildungsämter-Konferenz (SBBK) im Rahmen des Lehrstellenbeschlusses 2, SBBK, Bern 2004 (SBBK Berufliche Grundbildung mit Attest)
Fuchs T.: Von der Bewerbung zur Lehrstelle, Schweizerischer Verband für Berufsberatung SVB, Zürich 2006
Häfeli K. et al.: Vertiefungsstudie: niederschwellige Angebote: Lehrstellenbeschluss, BBT und KWB, Bern 2004
Huberman M. (Ed.): Assurer la réussite des apprentissages scolaires. Les propositions de la pédagogie de maîtrise, Delachaux et Niestlé, Neuchâtel, 1988
Kammermann M.: Von der Anlehre zur beruflichen Grundbildung mit Attest 2001- 2004: Evaluation des Projekts: ein Projekt des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes des Kantons Bern im Lehrstellenbeschluss 2: Schlussbericht, SIBP, Zollikofen 2004 (SIBP Schriftenreihe; 26)
www.cms.sibp.ch/user_doc/SR26.pdf
DBK.: Handbuch für Modellentwicklung: zweijährige berufliche Grundbildung mit Attest, DBK, Luzern 2003
Knutti P.: Anlehre erneuern, nicht abschaffen. In: Panorama Nr. 1/99, Zürich 1999
Kübler G.: Phönix aus der Anlehre: die neue berufspraktische Bildung. In: Panorama Nr. 4/1999
Ming P., Reif M.: Unterwegs zum Lernprofi, O. Füssli, Zürich 2004
Schmid R., Barmettler C.: Wegweiser zur Berufswahl, S&B Institut für Berufs- und Lebensgestaltung, Bülach 2006
SVB/Laufbahnzentrum Zürich: Attest und Anlehre, Informationsheft mit Portraits und Beispielen, SVB/Laufbahnzentrum Zürich, Zürich, 2006
Trindler E., Stokar Ch.: Die erste Bewerbung. Wie angle ich mir eine Lehrstelle?, Schweizerischer Verband für Berufsberatung SVB, Zürich 2001





